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Wer kommt? Wer geht? Wer bleibt?

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Eine Studie zur Verbesserung der Verbleibchancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz

6 Eine Ausnahme bildet

6 Eine Ausnahme bildet das Internationale Hochschulinstitut Zittau (IHI), das an die Technische Universität Dresden angegliedert ist. 7 Das monatliche Bruttoarbeitsentgelt (Median) für Vollzeitbeschäftigte mit akademischem Berufsabschluss beträgt in Deutschland 4.905 Euro, in Sachsen 3.970 Euro und im Landkreis Görlitz 3.874 Euro ( Bundesagentur für Arbeit 2016). Da Medianmonatslöhne unter dem sächsischen Durchschnitt liegen, ist davon auszugehen, dass die Bruttostundenlöhne im Landkreis Görlitz ebenfalls unter dem Durchschnitt liegen. 8 Die Leistungsgruppen ermöglichen eine ungefähre Abstufung der Tätigkeiten eines Arbeitnehmers nach dem Anforderungsprofil des Arbeitsplatzes. Es werden insgesamt fünf Leistungsgruppen unterschieden (Statistisches Bundesamt 2016): In Leistungsgruppe 1 sind „Arbeitnehmer in leitender Stellung“ und in Leistungsgruppe 2 sind „Herausgehobene Fachkräfte“ subsumiert. Für die Leistungsgruppen 1 und 2 ist in der Regel eine reguläre Berufsausbildung nicht ausreichend, vielmehr werden ein Hochschulabschluss oder spezifische Fachkenntnisse mit langer Berufserfahrung gefordert. erworben werden kann (vgl. Landkreis Görlitz 2012) 6 . Während es 74 Prozent der 25- bis 34-Jährigen Männer mit einem Fachhochabschluss in eine akademische bzw. Führungsposition schaffen, sind es nur 47 Prozent der Frauen im Landkreis Görlitz, die sich in diesen Berufen befinden. Allerdings weisen Frauen in der älteren Kohorte einen höheren Anteil als Männer (58% vs. 49%) auf. Möglichweise sind verfügbare Stellen knapper oder es mangelt an geeigneten Kandidatinnen in der Region, oder Frauen bekommen erst in einer anderen Lebensphase die Gelegenheit, höhere berufliche Positionen zu besetzen. Die Positionierung verbessert sich für Personen mit Hochschulabschluss oder Promotion. In dieser Gruppe sind es nur 73 Prozent der 35- bis 44-Jährigen Frauen (gegenüber 87% Männer), die im Landkreis Görlitz einer Beschäftigung in einem akademischen Beruf bzw. einer Führungsposition nachgehen. In ganz Sachsen sind Frauen in dieser Bildungsgruppe mit einem Anteil von 78 Prozent deutlich besser positioniert. Neben der ausbildungsadäquaten Beschäftigung wären für die Einschätzung des höher qualifizierten Arbeitsmarktes im Landkreis Görlitz weitere Informationen zur Qualität der Arbeit notwendig. Dazu zählen beispielsweise Arbeitsbedingungen, Anerkennung, Aufstiegsmöglichkeiten, Arbeitszufriedenheit, Arbeitsplatzsicherheit oder ein existenzsicherndes Einkommen. Eine große Lücke gibt es auch bei den Einkommensstatistiken, denn geschlechtsspezifische Bruttostundenlöhne sind für die einzelnen Bildungs- und Altersgruppen im Landkreis Görlitz nicht bekannt. 7 Eine detaillierte datengestützte Untersuchung könnte hier Abhilfe schaffen und sollte in absehbarer Zeit realisiert werden. Für Sachsen liegen die Bruttostundenverdienste in den Leistungsgruppen 1 und 2 unter dem Bundesdurchschnitt. 8 Vollzeiterwerbstätige Männer in der Leistungsgruppe 1 verdienen in Sachsen im Durchschnitt knapp 37 Euro, Frauen rund 30 Euro (Differenz: -23,3%). Bei Teilzeiterwerbstätigkeit gibt es nur geringfügige Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Hier liegt der Bruttostundenverdienst bei etwa 29 Euro und damit 3 Euro unter dem deutschlandweiten Durchschnitt für Teilzeiterwerbstätige. 2.6 Bildungs- und Beschäftigungsmarkt Überdurchschnittliche Abwanderungsraten von jungen Frauen aus Sachsen werden in der Forschungsliteratur vor allem damit begründet, dass das sächsische Universitätswesen ingenieurwissenschaftlich geprägt ist (Klemm und Thomas 2010). In der Oberlausitz verdanken sie sich darüber hinaus der Branchenstruktur. Die Lausitz insgesamt verfügt über eine lange Industrie- und Bergbautradition, und fast ein Viertel aller Beschäftigten sind in der Industrie tätig (in Ostdeutschland sind es rund 18 Prozent, Ragnitz et al. 2013). Der Landkreis Görlitz ist also in eine regionale und Verwaltungsgrenzen überschreitende Wirtschaftsstruktur eingebettet. Wie für Ostdeutschland typisch sind die mittleren und kleinen Betrieben in eher traditionellen Branchen tätig. 98 Prozent der Betriebe sind klein- und mittelständisch. Die relativ geringe ökonomische Kraft der Region wird u. a. auf diese spezifische Kleinteiligkeit der Wirtschaftsstruktur zurückgeführt (Damm et al. 2015, S. 32 und Nadler et al. 2014, S. 53). Im Landkreis Görlitz bilden die Textil-, Glas-, Metall-, und Kunststoffindustrie, Energiewirtschaft sowie der Fahrzeug- und Maschinenbau die wichtigsten industriellen Schwerpunkte. Außerhalb der Industrie sind Gesundheitswirtschaft und Logistik weitere wichtige Wirtschaftszweige (Ragnitz et al. 2013, S. 55). In der Selbsteinschätzung schwanken die unternehmerischen Akteure zwischen optimistischen Prosperitätserwartungen und der Einschätzung, dass die Wirtschaftsregion weiterhin an Kraft verlieren wird (Nadler et al. 2014, S. 58 f.). In jedem Fall zeichnet sich ein Fachkräftemangel ab: Der stetig sinkenden Bevölkerung steht eine ebenfalls sinkende Arbeitslosenquote gegenüber und ein wachsender Anteil der Menschen über 50 Jahre führt vielerorts zu fehlenden Arbeitskräften. Neben frei bleibenden Ausbildungsplätzen fehlen Fachkräfte im Dienstleistungsbereich, im Handwerk und in der metallverarbeitenden Industrie (Regionale Fachkräfteallianz 2016, S. 5). Es mangelt also durchaus an heterogenen Qualifikationsgruppen, von gelernten bis hochqualifizierten Beschäf tigten, in diversen Branchen. Die regionale Fachkräfteallianz sieht durchaus ausbaufähiges Potenzial im Bereich der Forschung und Entwicklung und die engere Verknüpfung von Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen mit lokalen Wirtschaftsunternehmen (ebd. 6). Ebenfalls ausbaufähig ist die Gründungskultur im Landkreis. Allerdings ist die Gründungsträgheit kein regionales Alleinstellungsmerkmal, sondern in ganz Sachsen sinken seit einigen Jahren die Gewerbeanmeldungen kontinuierlich und halten sich mit den Gewerbeabmeldungen in etwa die Waage (Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen 2016d). In Tabelle 3 wird sichtbar, wie sich die Erwerbspersonen auf die unterschiedlichen Berufsstellungen verteilen. So sind selbstständige Frauen mit einem Anteil von 7 Prozent im Landkreis Görlitz eine nur sehr kleine Gruppe. Im Vergleich dazu führen 14 Prozent der Männer ein selbstständiges Unter nehmen. Tabelle 3: Stellung im Beruf nach Geschlecht im Jahr 2011 (in Prozent) Auch die Ausweitung der Bildungsoffensive ist eine im Landkreis verfolgte Strategie (Regionale Fachkräfteallianz 2016, S. 7 f., Landkreis Görlitz 2014). Neben der Stärkung der schulischen Bildungslandschaft sind auch die berufsbildenden Pfade zu beachten. Zum einen treffen hier Auszubildende und potenzielle Beschäftigungsfelder in der Region aufeinander, zum anderen muss bedacht werden, welche Berufsperspektiven tatsächlich entwickelt werden können. Während die kommunalen berufsbildenden Schulen gleichermaßen für Berufe in Technik, Verwaltung, Wirtschaft und Sozialwesen ausbilden, dominieren bei den Schulen in freier Trägerschaft soziale und Pflegeberufe. Die beruflichen Anschlüsse liegen im Spektrum der Beschäftigtenstruktur im Landkreis klassischerweise im Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit und Pflegeberufen. Wie ließe sich aber das Potenzial der Dienstleistungs- und Pflegeberufe in der Region ausbauen? Ähnlich strukturell unterbelichtet ist der Hochschulstandort in Görlitz. Während wirtschaftsnahe Kooperationen am Standort Zittau mit den technischen und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen etabliert sind, findet das wirtschaftliche Potenzial der kultur- und sozialwissenschaftlichen Studiengänge am Standort Görlitz mit einem hohen Frauenanteil unter den Studierenden (siehe Kapitel 3) bisher nur geringe Beachtung. Insbesondere für das kaum erschlossene unternehmerische Potenzial der Kultur- und Kreativbranche schlummern hier unentdeckte Ressourcen im Dreiländereck. Angesichts des im Landkreis aufgestauten Modernisierungsdruckes wird die weitere strukturelle Vernachlässigung dieser wissensintensiven Berufsfelder Folgen zeitigen (vgl. Tiemann 2009). 9 Außerdem verliert der Landkreis die Bevölkerungsgruppe der zugewanderten jungen (Hoch-)Qualifizierten als Beschäftigungs- und Bevölkerungspotenzial (vgl. Kapitel 3). Deutschland Sachsen Landkreis Görlitz Gesamt Männer Frauen Gesamt Männer Frauen Gesamt Männer Frauen Insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 100 100 Angestellte/Arbeiter/-innen 83 81 87 86 83 90 86 83 91 Beamte/innen 5 5 5 3 3 2 3 4 2 Selbstständige mit Beschäftigen Selbstständige ohne Beschäftigte Mithelfende Familienangehörige 5 6 3 5 6 3 4 6 3 6 7 5 6 8 5 6 8 4 1 1 1 0 0 1 1 0 1 Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2014, eigene Darstellung; Ergebnisse basieren auf der kombinierten Erwerbsregisterauszählung und Hochrechnung der Daten aus der Haushaltsstichprobe vom 9. Mai 2011 2.7 Zur Lage qualifizierter junger Menschen im Landkreis Görlitz Die Datenlage zur Arbeits- und Lebenssituation qualifizierter junger Menschen ist an vielen Stellen schmal und für eine gehaltvolle Deskription unzureichend, so dass an dieser Stelle eine problematisierende Zusammenfassung der vorhandenen Datenlage erfolgt: Vor dem Hintergrund der demografischen, wirtschafts- und sozialstrukturellen Daten ist der Landkreis als heterogener Sozialraum zu beschreiben. Mit einer Altersstruktur, die durch wenige Junge, viele Ältere und einem schmaler werdenden Bevölkerungssegment in den mittleren Altersgruppen gekennzeichnet ist, werden bildungsstarke Bevölkerungsgruppen im Hinblick auf den prognostizierten Fachkräftemangel im Landkreis Görlitz an Bedeutung gewinnen. Durch die Kreisgebietsreform 2008 fallen die regionalen Disparitäten im neuen Landkreis Görlitz hinsichtlich der Verteilung der Bevölkerung wie der Wirtschaftsstruktur stärker ins Gewicht. Zwar weist die empirica-Studie (2016) zur Stadt-Wanderung in Sachsen keine Geschlechterdifferenzierung aus; die Bedeutung des analysierten „Schwarmverhaltens“ auch für geschlechterspezifische Migrationsmuster ist aber unbestritten vorhanden. Insbesondere die wenig verdichteten ländlichen Räumen werden gut ausgebildete Frauen weiterhin an die Schwarmstädte verlieren (bzw. kaum Zuwanderung verzeichnen), da in den ruralen Siedlungsräumen „Kristallisationspunkte des öffentlichen Lebens“ (empirica 2016, S. 8), Vergemeinschaftungschancen Gleichgesinnter und angemessene Beschäftigungsperspektiven fehlen oder nur in geringem Maße vorhanden sind. Die Gefahr besteht, dass dem Landkreis dauerhaft Innovationspotenziale verloren gehen. Teilweise wird im produzierenden Sektor bereits ein Fachkräftemangel beklagt. Aber auch im Bereich von Bildung, Dienstleistungen und im öffentlichen Sektor steht der Generationenwechsel unmittelbar bevor. Um den weiteren wirtschaftsstrukturellen Wandel 9 Das Glossar der Wissensintensiven Dienstleistungen erfasst vom DIW: http://www.diw.de/de/ diw_01.c.412453.de/presse/diw_glossar/wissensintensive_dienstleistungen. html. 12 13

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